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Revenue Operations

RevOps einführen: in welcher Reihenfolge?

Revenue Operations scheitert im Mittelstand selten an der Software. Es scheitert daran, dass die Software eingeführt wird, bevor jemand sagen kann, was ein Lead ist.

Boris Hanuschke
Boris Hanuschke 8 Minuten Lesezeit

Wer im B2B-Mittelstand „RevOps" hört, denkt zuerst an ein System. An HubSpot, Salesforce oder Pipedrive, an Dashboards und Automatisierungen. Das ist nachvollziehbar — Anbieter verkaufen Werkzeuge, keine Reihenfolgen — und es ist der häufigste Grund, warum Einführungen nach neun Monaten dort stehen, wo sie im dritten Monat standen.

Revenue Operations ist keine Software. Es ist die Entscheidung, Marketing, Vertrieb und Kundenbetreuung auf eine gemeinsame Prozess- und Datenlogik zu stellen, damit am Ende eine Zahl herauskommt, der man glauben kann. Software hilft dabei erheblich. Sie ersetzt die Entscheidung nicht.

Die folgende Reihenfolge hat sich in unseren Mandaten bewährt. Sie ist unbequem, weil die sichtbaren Ergebnisse spät kommen. Sie ist aber die einzige, bei der sie überhaupt kommen.

Warum die Reihenfolge über den Erfolg entscheidet

Jede Stufe baut auf der vorherigen auf. Wer automatisiert, bevor die Übergaben definiert sind, automatisiert Unordnung — nur schneller. Wer Kennzahlen aufsetzt, bevor die Daten stimmen, bekommt präzise Antworten auf die falsche Frage. Und wer ein neues CRM einführt, bevor irgendjemand im Haus sagen kann, wann ein Kontakt zum Lead wird, hat am Ende dieselben Excel-Listen wie vorher — nur mit einer Lizenzrechnung dazu.

Der Reflex, mit dem Werkzeug anzufangen, hat einen guten Grund: Es ist die einzige Stufe, die man kaufen kann. Alle anderen muss man verhandeln.

Merksatz

Ein Werkzeug beschleunigt einen Prozess. Es ersetzt ihn nicht. Wo kein Prozess ist, beschleunigt es die Unordnung.

Stufe 1: Definitionen, bevor jemand etwas konfiguriert

Setzen Sie Marketing, Vertrieb und — falls vorhanden — Kundenbetreuung in einen Raum, und lassen Sie die Runde nicht gehen, bevor vier Fragen schriftlich beantwortet sind:

  1. Was ist ein Lead? Ab wann ist ein Kontakt mehr als eine Visitenkarte?
  2. Wann geht ein Lead an den Vertrieb — und woran erkennt man das, ohne zu diskutieren?
  3. Wann darf der Vertrieb einen Lead zurückgeben, und was passiert dann damit?
  4. Wann gilt eine Gelegenheit als gewonnen, verloren oder tot?

Das klingt nach einer Stunde Arbeit und dauert erfahrungsgemäß zwei Termine. Der Grund ist nicht Begriffsstutzigkeit, sondern dass diese Fragen bisher jeder für sich beantwortet hat — unterschiedlich, und ohne dass es auffiel. Der Vertrieb hält alles für einen Lead, was einen Termin annimmt. Das Marketing hält alles für einen Lead, was ein Whitepaper herunterlädt. Beide haben ihre Zahlen, beide stimmen, und sie passen nicht zusammen.

Schreiben Sie die Ergebnisse auf eine Seite. Nicht auf zwölf. Was auf einer Seite nicht Platz hat, wird im Alltag nicht angewendet.

Stufe 2: Die Datenbasis aufräumen

Jetzt — und nicht früher — lohnt der Blick in die Daten. Die Übung ist unglamourös: Dubletten zusammenführen, tote Datensätze markieren, Pflichtfelder festlegen und den Rest streichen.

Der entscheidende Teil ist die letzte Hälfte. In fast jedem gewachsenen CRM gibt es dreißig bis achtzig Felder, von denen zehn gepflegt werden. Der Rest erzeugt Arbeit, ohne je in eine Auswertung einzufließen. Streichen Sie, was niemand auswertet. Ein Vertriebler, der acht Felder ausfüllen soll, füllt sie aus. Einer, der vierzig sehen soll, füllt keines aus.

Legen Sie außerdem fest, wer für welches Feld verantwortlich ist. Daten ohne Eigentümer verfallen — zuverlässig und ohne dass es jemand bemerkt, bis der erste Bericht Unsinn ausgibt.

Stufe 3: Übergaben verbindlich machen

Die meisten Umsatzverluste im Mittelstand entstehen nicht bei der Akquise und nicht im Abschluss, sondern an den Übergabestellen: Marketing an Vertrieb, Vertrieb an Projekt oder Service, Service zurück an Vertrieb bei einer Erweiterung.

Definieren Sie für jede Übergabe drei Dinge:

Der dritte Punkt ist der, den fast alle weglassen — und der einzige, der die Regel durchsetzbar macht. Eine Übergabefrist ohne Rückfallregel ist keine Regel, sondern eine Bitte.

Stufe 4: Wenige Kennzahlen, dafür verbindlich

Jetzt lässt sich sinnvoll messen. Beschränken Sie sich zu Beginn auf eine Handvoll Größen, die die gesamte Kette abbilden:

Die letzte Zahl ist die unbequemste und die wichtigste. Ein Forecast, der regelmäßig deutlich danebenliegt, ist kein Forecast, sondern eine Hoffnung mit Dezimalstellen. Messen Sie die Abweichung offen — und sie wird kleiner, allein deshalb, weil sie gemessen wird.

Stufe 5: Erst jetzt automatisieren

Automatisierung ist der Punkt, an dem RevOps sichtbar wird und Zeit zurückgibt: Lead-Verteilung, Erinnerungen an überfällige Aufgaben, Statuswechsel, Berichte, die sich selbst schreiben.

Vorher wäre jede dieser Automatisierungen ein Fehler gewesen, weil sie eine Regel festschreibt, die noch niemand vereinbart hat. Jetzt schreibt sie fest, was ohnehin gilt — und nimmt der Organisation ab, es täglich zu wiederholen.

Fangen Sie mit den Vorgängen an, die am häufigsten passieren und am wenigsten Urteilsvermögen verlangen. Automatisieren Sie nicht das, was interessant aussieht, sondern das, was nervt.

Stufe 6: Das Werkzeug anpassen — oder wechseln

Wenn Sie hier ankommen, wissen Sie zum ersten Mal genau, was Ihr System können muss. Und Sie stellen erfahrungsgemäß fest, dass das vorhandene mehr davon kann als gedacht. Eine saubere Neukonfiguration ersetzt häufiger einen Systemwechsel, als Anbieter es Ihnen erzählen werden.

Wenn doch gewechselt werden muss, ist es jetzt eine Beschaffung mit klarer Anforderungsliste statt einer Wette. Sie wissen, welche Felder Sie brauchen, welche Übergaben abgebildet werden müssen und welche Berichte am Ende herauskommen sollen. Anbieter, die dazu nicht konkret werden, fallen im Gespräch deutlich schneller auf.

Drei Abkürzungen, die keine sind

„Wir machen das nebenbei"

RevOps ist keine Aufgabe für den Freitagnachmittag. Es braucht eine Person mit Mandat, die entscheiden darf, wenn Marketing und Vertrieb sich nicht einigen. Ohne diese Person endet jede Runde vertagt — und nach der dritten Vertagung endet das Vorhaben.

„Erst die Software, den Rest regeln wir später"

Später kommt nicht. Was in den ersten Wochen nach der Einführung nicht definiert ist, wird durch Gewohnheiten ersetzt. Und Gewohnheiten sind erheblich schwerer zu ändern als leere Felder.

„Wir übernehmen die Prozesse aus dem Konzernumfeld"

Ein Modell, das eine eigene Operations-Abteilung voraussetzt, funktioniert nicht in einem Unternehmen mit zwei Marketing-Mitarbeitenden. Die Logik ist übertragbar, die Ausbaustufe nicht. Nehmen Sie die Denkweise, lassen Sie den Apparat.

Aus der Praxis

Projektbeispiel · Profilhersteller, Zulieferer für den Maschinenbau
Ausgangslage
Ein mittelständischer Hersteller von Aluminium- und Stahlprofilen beliefert überwiegend den Maschinenbau. Der Vertrieb arbeitete rein reaktiv: Anfragen kamen per E-Mail oder Telefon, Angebote entstanden von Hand. Das Marketing bestand aus gedrucktem Katalog und Messeauftritten. Niemand im Haus konnte sagen, welche Firmen gerade online nach technischen Lösungen suchten — der Vertrieb verpasste den Zeitpunkt, an dem ein Anruf etwas bewirkt hätte. Anfragen aus dem Web gingen zudem regelmäßig im Tagesgeschäft unter.
Maßnahme
Digitales Interesse und persönliche Beratung wurden aneinandergekoppelt: Wer ein technisches Datenblatt herunterlädt, löst eine Reaktion aus, die beim zuständigen Außendienst ankommt — und nicht in einem Postfach versandet. Wie weit das automatisiert wird, hängt an der Größe der Organisation (siehe die drei Ausbaustufen unten).
Ergebnis
Die Reaktionszeit auf einen erkennbaren Kundenbedarf halbierte sich. Schon die einfachste Variante sorgte für professionellere Gesprächseinstiege, weil der Anruf einen konkreten Anlass hatte statt ins Blaue zu gehen. Die ausgebaute Variante ermöglichte Wachstum im Vertrieb, ohne dass die Mannschaft im gleichen Maß mitwachsen musste.

Drei Ausbaustufen — dieselbe Logik, unterschiedliche Tiefe

Die ersten vier Stufen dieses Beitrags sind in jedem Fall gleich: Begriffe, Daten, Übergaben, Kennzahlen. Was sich unterscheidet, ist wie weit man Stufe fünf und sechs treibt — und das entscheidet nicht der Anbieter, sondern die Größe und die Prozessreife des Hauses.

Ausbaustufen
Basis
Für kleine Teams. Ein heruntergeladenes Datenblatt löst eine E-Mail an den zuständigen Außendienstler aus, den Status pflegt jemand von Hand. Klingt unspektakulär und reicht in vielen Häusern völlig — es verhindert Anrufe ins Blaue und ersetzt sie durch Gespräche mit konkretem Anlass.
Erweitert
Für wachsende Organisationen. Der Download benachrichtigt nicht nur, sondern ordnet den Lead automatisch dem richtigen Gebietsleiter zu und startet eine vorbereitete E-Mail-Strecke, falls kein direkter Kontakt zustande kommt.
Vollausbau
Für komplexe Strukturen und hohe Stückzahlen. Das System bewertet Leads nach Download-Verhalten, Seitenbesuchen und Firmengröße. Nur hoch bewertete landen direkt in der Anrufliste des Vertriebs, der Rest wird automatisiert weiter versorgt, bis er kaufbereit ist. Eine Schnittstelle zum ERP legt aus einem gewonnenen Lead unmittelbar den Kundenstamm an.

RevOps ist damit kein Produkt von der Stange, sondern ein Baukasten — von der schlichten Prozessverbesserung bis zum weitgehend automatisierten Zusammenspiel. Entscheidend ist nicht die maximale Technik, sondern der passende Detailgrad. Wer die dritte Stufe kauft und die zweite noch nicht beherrscht, bezahlt Komplexität, die niemand bedient.

Wie lange dauert das?

Für ein mittelständisches Unternehmen liegt eine realistische Spanne bei drei bis sechs Monaten bis zur vierten Stufe — vorausgesetzt, es gibt eine verantwortliche Person und die Geschäftsführung steht sichtbar dahinter. Bei sehr kleinen Organisationen geht es schneller, bei mehreren Standorten oder Landesgesellschaften dauert es länger.

Die ersten beiden Stufen wirken dabei am langsamsten und entscheiden am meisten. Wer sie in zwei Wochen durchdrückt, wiederholt sie im fünften Monat.

Fazit

Revenue Operations im Mittelstand gelingt, wenn die Reihenfolge stimmt: erst Begriffe, dann Daten, dann Übergaben, dann Kennzahlen, dann Automatisierung, dann Technik. Jede Umkehrung dieser Reihenfolge kostet Monate.

Das Unbequeme daran ist, dass die ersten Stufen kein Geld kosten und trotzdem am schwersten sind. Sie verlangen keine Investition, sondern Einigung. Wenn Sie wissen möchten, wie das in Ihrem Haus aussehen würde, schauen Sie sich an, wie wir Revenue Operations in Mandaten aufsetzen — oder sprechen Sie uns direkt an.

Boris Hanuschke
Über den Autor

Boris Hanuschke

Marketing-Integration · Implementation · Technology

Boris Hanuschke ist Geschäftsführer der MARKTBANDE. Er verantwortet Marketing-Integration, Implementation und Technologie — und setzt in Mandaten das um, was sonst in Strategiepapieren stehen bleibt. Art Director, eigene Agentur seit 2007.

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